New Work und Postwachstum

Mein letzter Vortrag war zum Thema New Work und zwar habe ich beleuchtet, ob es sich hier wieder mal um eine Modeerscheinung also ein Buzzword handelt oder ob sich dahinter echte Transformation unserer Arbeitsweise versteckt. Wenn man genauer hinschaut, kann man entdecken, dass immer mehr Menschen New Work leben wollen und gerade die jungen Generationen eine solche Arbeit suchen.

Aber schauen wir mal woher der Begriff kommt und was er heute bedeuten kann.

Der Begriff New Work wurde in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts von Prof. Frithjof Bergmann kreiert und er verband damit nicht nur die neue Arbeit, sondern auch eine neue Kultur und eine neue Wirtschaft, eine Wirtschaft die man heute mit Postwachstumsökonomie (Degrowth) bezeichnen würde.

Bergmann beriet in den 80 Jahren in Flint (Michigan) General Motors bei dem Vorhaben, Arbeitsplätze so abzubauen, dass nicht eine ganze Stadt dem Niedergang geweiht war. Er ging davon aus, dass die Lohnarbeit nur die Grundbedürfnisse eines Menschen decken muss. Die Arbeiter sollten 10 Stunden in der Woche weiter angestellt bleiben und könnten in den 30 Stunden, die sie nun freigestellt waren, sich um die Kommune kümmern und dort gemeinschaftlich etwas aufbauen und sich nebenher noch selbstständig machen.

„Alte Arbeit ist Arbeit, die wir wie eine milde Krankheit ertragen. Neue Arbeit ist Arbeit, die wir wirklich, wirklich tun wollen. „

Danach ist die Neue Arbeit die Selbständigkeit, die uns vielleicht nicht soviel Geld bringt, dass wir davon leben könnten, die uns aber erfüllt und in der Seele gut tut.

1/4 Lohnarbeit, Job
1/4 Community Production ( Maker Space, Urban Gardening, Prosument werden)
1/2 Enterpreneurship, Selbständigkeit (Was ich wirklich, wirklich will)

Mit seinen Überlegungen war er damals nicht alleine, denn schon der Ökonom John Keynes hat vor 80 Jahren prognostiziert, dass wir im Jahr 2030 nur noch 15 Stunden in Lohnarbeit arbeiten müssen, da sich die Produktivität so enorm durch die Automatisierung erhöht hat.

Leider sind wir von dieser Prognose noch ziemlich weit entfernt, da Keynes sich nicht vorstellen konnte, dass wir in den Jahren 2000 – 2020 so viel mehr konsumieren würden und deshalb immer mehr arbeiten würden. Wir geben einfach zu viel Geld für Konsum aus, obwohl er uns gar nicht mehr glücklich macht. Wir belohnen uns für die harte Arbeit mit Reisen, Klamotten, Statussymbolen und wollen anderen Leuten zeigen, wie erfolgreich wir sind und dabei verlieren wir uns selbst. Andererseits gibt es aber auch Branchen, die einen so niedrigen Stundenlohn zahlen, dass Menschen sogar mit 40 Stunden Wochenarbeitszeit kaum über die Runden kommen.

Bei der Abfrage, was die Teilnehmer meines Vortrages mit dem Begriff New Work verbinden, ist diese Wortwolke entstanden:

Heute verstehen wir unter New Work eine flexible, agile und selbstbestimmte Arbeitsweise, die wir in unserer Lohnarbeit finden wollen. Die Arbeitgeber versuchen innovativer zu werden und suchen genau diese Leute, die es gelernt haben selbstorganisiert und selbstverantwortlich zu arbeiten.

Deshalb haben die digitalen Tools für New Work eine so große Bedeutung, da wir mit Ihnen Kooperationsplattformen aufbauen können und somit auch asynchron und örtlich und zeitlich unabhängig voneinander zusammenarbeiten können.

Die vielen Lerntools helfen über den Tellerrand zu schauen und mit Menschen aus der ganzen Welt verbunden zu sein. Sogar Sprachbarrieren werden immer kleiner, da Englisch eine anerkannte internationale Sprache ist und im Notfall die Übersetzer – Tools Hilfe leisten.

Was wir gerade feststellen, ist aber ein Shift beim Mindset. Früher hieß es „Wissen ist Macht“ und heute heißt es „Wissen teilen ist Macht“. Unternehmen werden nur überleben können, wenn sie es in ihrer Kultur verankert haben, dass Wissen geteilt werden muss, um sich zu verbessern und agil und innovativ zu sein und dass nicht mehr nur allein das Erfahrungswissen aus alten Zeiten zählt, sondern das Innovationen entstehen, durch eine gemeinsame Vision. Dafür müssen aber diejenigen, die bereitwillig ihr Wissen teilen, auch wertgeschätzt und sichtbar werden. Es muss sich irgendwie positiv auswirken, wenn man sein Wissen teilt. Vernetzung und Zeit zum Lernen können solche Vorteile sein.

Außerdem haben wir gelernt, dass Wissen alleine auch nicht reicht. Aus Wissen muss „Können – Kompetenz“ werden und dafür braucht man ein Öko- System, in dem man sein Wissen ausprobieren kann und umsetzen kann. Wir brauchen also Experimentierfelder und Kollaborationsräume.

Die Zukunft gehört den kollaborationen Netzwerken

In hierarchischen Unternehmen stellt man fest, dass man zwar stark standardisierte (komplizierte) Vorgänge immer noch gut mit der hierarchischen Organisationsstruktur abbilden kann, aber die immer dynamischere und komplexere Welt nach agilen und vernetzten Strukturen schreit.  Der Plan hilft oft nicht mehr weiter, wenn sich die Umwelt aufgrund von Krisen  schnell verändert. Was dann hilft ist das Netzwerk als Organisationsstruktur.

We need a Shift from Ego to Eco!

Otto Scharmer (Entwickler der Theorie U)  beschreibt den Prozess, wie man zu einer echten Gemeinschaft (Community) wird und sich verbunden fühlt mit der Welt. Wir müssen begreifen, dass wir mit unserer Art zu wirtschaften und zu handeln, die Menschheit und die Natur gefährden. Wir halten uns Sklaven und Kinderarbeit durch unseren Konsum, der auf nicht fairen Arbeitsbedingungen und Ressourcenverbrauch auf der ganzen Welt beruht. Und hier kommt nun wieder das Thema Postwachstum ins Spiel.

Postwachstum beinhaltet die Verantwortung für Nachhaltigkeit und darunter versteht man ökologische und soziale Gerechtigkeit. Das Pariser Klimaabkommen hat für jedes Land ein gewisses CO2 Budget vereinbart. 2015 sah es so aus, dass wir bis 2050 CO2 neutral sein müssen, mittlerweile hat sich der Zeitraum aber enorm verkürzt, da wir es nicht geschafft haben auf einen kontinuierlichen Reduktionspfad zu kommen.
Da die Kohlekraftwerke bis 2038 laufen dürfen, müssen wir jetzt schon viel früher CO2 neutral sein, denn unser Budget wird dadurch immer kleiner. Wenn wir das Ziel nicht schaffen, wird es empfindliche Strafen geben, die auch nicht zielführend sind. Es ist wichtig zu handeln, so lange wir noch gestalten können und nicht erst dann, wenn wir nur noch reagieren können. Dann wird die ganze Energie in Kriege um Wasser, in die Versorgung von Flüchtlingen, um die Bekämpfung von Krankheiten und andere destruktive Dinge gehen. Deshalb….

Wir müssen wieder sesshaft und genügsam werden.

Dieses Bild scheint vielleicht für viele nicht erstrebenswert, da wir ja digitale Normaden sein wollen und eigentlich von überall auf der ganzen Welt arbeiten wollen. Aber wenn wir wissen, dass wir ein CO2 Budget von 2,7 t pro Mensch und Jahr auf der Welt haben und eine Reise nach Neuseeland schon 14,5t pro Passagier verbraucht (wir haben momentan einen CO2 Fußabdruck in Deutschland von 7,9 t (2019)  pro Kopf), dann wissen wir, dass wir sesshaft werden müssen.

Sesshaft heißt, wir haben wieder viel Zeit für das Leben zu Hause, vielleicht auch wieder auf dem Land, im eigenen Schrebergarten oder in Gemeinschaftsgärten. Wir werden wieder kochen lernen und unsere Sachen selbst reparieren, Dinge tauschen und co-kreativ werden. Es gibt Zeit und Räume für echte Bildung. Wir haben Zeit Musik zu machen, ein Instrument zu lernen, zu lesen, zu philosophieren, zu nähen und zu stricken. Wir brauchen Räume in der Stadt und in den Gemeinden, wo solche Dinge gemeinschaftlich erlernt und gelebt werden kann. Wir brauchen für diesen neuen Lebensstil Experimentierräume und Vorbilder.

Ein gutes Beispiel in Lippstadt ist der Dorfgarten in Dedinghausen. Vielleicht ist der Garten nicht ausreichend effizient für die Versorgung der Gärtner, aber dafür ist dort ein artenreicher und lebenswerter Raum entstanden, der für die Lebensraumgestalter zu einem wichtigen Ort des Zusammen-Wirkens geworden ist. Es sind Freundschaften entstanden und ein gemeinsames Wohnprojekt wurde gemeinschaftlich visioniert. Noch gibt es Widerstände, aber die Vision des gemeinsamen Wohnens wird nicht begraben.

Wenn wir weniger konsumieren, müssen wir weniger in Lohnarbeit arbeiten und können uns selbstverwirklichten.

Und was mir noch wichtig ist:

Wir werden in Zukunft gesünder sein, denn das schneller, weiter, besser und die Informationsflut hat uns und unserer Psyche eher geschadet. Kinder wurden nicht mehr als Persönlichkeit wahrgenommen, sondern gemanagt. Der Haushalt wurde gemanagt und der eigenen Körper musste funktionieren.

Ich weiß wovon ich spreche, da ich alles am eigenen Leib erfahren habe. 2018 habe ich eine Reise zu mir selbst gemacht und viel über das glückliche Leben gelernt. Genügsamkeit und Muße sind echte Glücksbringer. Ich werde nie vergessen, wie glücklich ich war, als ich nach einer Woche Chemotherapie einen Apfel mit vollem Genuss essen konnte. Wie glücklich ich war, dass sich mein Magen nicht umdrehen wollte und mir nicht speiübel wurde.  Ich habe tiefe Dankbarkeit empfunden, dass ich leben darf und habe mir ein noch langes und gesundes Leben erhofft.

Es ist ein lebendiges Bild meines Lebens entstanden und dieses Leben findet in Lippstadt statt. Hier gibt es in Zukunft eine starke Gemeinschaft für das Thema „Gesundes Leben mit weniger Konsum“, die Stadt wird noch grüner, lebenswerter und nachhaltiger werden. Wir werden mit dem Fahrrad CO2 neutral mobil sein und gemeinschaftlich Nahrungsmittel erzeugen und anbauen. Wir werden Vorbild sein bei der Müllvermeidung und die Menschen kommen nach Lippstadt, wenn sie lernen wollen, wie man das alles in einer so kurzen Zeit erreichen kann.

Die Erfolgsfaktoren sind:

  • Gemeinschaftlichenes Lernen und sich auf den Weg machen
  • Gute Vernetzung
  • Eine gemeinsame Vision kreieren
  • die sich abzeichnende Zukunft erspüren
  • Achtsam und auf Augenhöhe sein
  • und eine gemeinschaftsbasierte Organisationsstruktur

Ich engagiere mich ehrenamtlich im Klimanetzwerk und im Klimabündnis und bin gerade dabei eine WandelBar aufzubauen. Dies wird ein Lern- und Experimentierraum für eine Postwachstumsgesellschaft.

Wenn Sie dabei sein wollen, dann freu ich mich sehr.

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